Druckgeschwüre

Die folgenden Informationen sind dem Ratgeber „Gute Pflege im Heim und zu Hause – Pflegequalität erkennen und einfordern“ der Verbraucherzentrale Bundesverband e.V., Berlin 2008 entnommen und dienen als Information gemäß Expertenstandard „Expertenstandard Dekubitusprophylaxe“.

Druckgeschwüre stellen eine ernsthafte Bedrohung für jeden dar, der im Krankenhaus behandelt oder in der ambulanten beziehungsweise stationären Pflege versorgt wird, weil Pflegebedürftigkeit oft mit Bettlägerigkeit oder eingeschränkter Bewegung einhergeht, die das Risiko für ein Druckgeschwür erheblich erhöhen. Um Druckgeschwüre zu verhindern, bedarf es einer engen Zusammenarbeit von Betroffenen und Experten. Das Erkennen von Druckgeschwüren im Anfangsstadium und die Durchführung von Maßnahmen zur Verhinderung von Druckgeschwüren (Prophylaxe) können oftmals nur dann effektiv sein, wenn die Betroffenen, Bewohner/-innen und Angehörige aktiv dabei mitwirken.

 

Hauptursache: anhaltender Druck

Als Druckgeschwür - manchmal spricht man auch vom Wundliegen -, in der Fachsprache Dekubitus genannt, wird eine Schädigung der Haut und des darunter liegenden Gewebes bezeichnet. Das Ausmaß der Schädigung reicht dabei von einer leichten und zum Teil schmerzhaften Rötung bis hin zu einem tiefgehenden Absterben von Haut- und Muskelgewebe. Ein Druckgeschwür kann immer dann entstehen, wenn auf einen Hautbereich für eine bestimmte Zeit ein anhaltender Druck ausgeübt wird. Der Zeitraum, von dem ab der anhaltende Druck eine Hautschädigung hervorruft, hängt stark vom individuellen Gesundheitszustand ab. Schon Zeiten von zehn bis 20 Minuten mit einem hohen Druck können zu Problemen führen, wenn die betroffene Person zu keiner eigenen Bewegung fähig ist. Eine Schädigung der Haut ist dabei in sitzender und liegender Position an prinzipiell jeder Körperstelle möglich. Besonders gefährdet sind dabei Körperstellen, bei denen dicht unter der Haut Knochenvorsprünge liegen, zum Beispiel am Hinterkopf, am Schulterblatt, an der Ferse oder am Steißbein. Daneben kann ein Druckgeschwür beispielsweise auch bei der Verwendung von bestimmten Verbänden, bei Gipsschienen oder auch Sauerstoffsonden entstehen - immer dann, wenn eine Oberfläche (zum Beispiel Metallschiene, Gips, Kunststoffschlauch) über einen bestimmten Zeitraum einen Druck auf die Haut ausübt. Neben der Hauptursache Druck und Zeit beeinflussen die Faktoren Ernährung, Hautzustand und Reibungs- und Scherkräfte die Entstehung eines Druckgeschwürs. Diese Einflüsse auf die Entstehung von Druckgeschwüren sind noch nicht ausreichend erforscht. Jedoch wird vermutet, dass beispielsweise Mangelernährungszustände bei schwer kranken Menschen und ein schlechtes Hautmilieu (zum Beispiel zu trockene oder zu feuchte Haut) die Entstehung eines Druckgeschwürs eher fördern. Dabei ist zu bedenken, dass der Hautzustand auch durch die Umgebung mit beeinflusst wird (Beispiel: durch Schwitzen oder Inkontinenz durchfeuchtetes Bettzeug / Kleidung). Als Scherkräfte bezeichnet man in diesen Zusammenhang den Vorgang, wenn ein Teil der Haut in eine Richtung bewegt wird, ein anderer Teil sich jedoch nicht oder sogar in eine andere Richtung bewegt, wodurch es zu einer schlechteren Durchblutung der betroffenen Hautabschnitte kommt (beispielsweise beim Herabrutschen im Bett oder im Stuhl). Zu einer Reibung und damit zu einer Schädigung der Haut kann es zum Beispiel beim Hochziehen im Bett kommen. Durch die Wirkung dieser unterschiedlichen Kräfte können die Hautschichten geschädigt und die Entstehung eines Druckgeschwürs beschleunigt werden.

 

Frühzeitiges Erkennen wichtig

Das Risiko, ein Druckgeschwür zu bekommen, besteht nicht nur bei alten und hochgradig pflegebedürftigen Menschen. Auch junge Menschen, die Einschränkungen der Beweglichkeit oder des Körperempfindens haben (zum Beispiel durch eine Lähmung), sind gefährdet. Unbewusste Signale des Körpers, die gesunde Menschen beispielsweise auch in der Nacht zu einem Lagewechsel veranlassen, sind nicht mehr vorhanden. Auch während und nach Operationen besteht eine erhöhte Gefahr für ein Druckgeschwür. Bei ungünstigen Voraussetzungen kann ein Dekubitus selbst innerhalb sehr kurzer Zeit oder über Nacht entstehen. Gefährdet ist zudem, wer auf jegliche Art von Prothesen oder die Verwendung von anderen Hilfsmitteln, die Körperkontakt haben, angewiesen ist. Wenn schon ein erhöhtes Risiko besteht, kann es auch durch kleine und alltägliche Dinge zum Beispiel Krümel im Bett oder zu eng anliegende Kleidung schnell zu einem Druckgeschwür kommen. Im Krankenhaus, einem Pflegeheim oder in der ambulanten Pflege ist es unter anderem Aufgabe der qualifizierten Pflegekräfte, das Risiko für ein Druckgeschwür einzuschätzen und auch die Höhe des Risikos anhand spezieller Skalen zu bewerten. Es ist immer wichtig, auch selbst die Augen offen zu halten, um im Zweifel fachlichen Rat einholen zu können. Ein Druckgeschwür im Anfangsstadium ist häufig durch eine Rötung der Haut zu erkennen. Nicht jede Hautrötung ist jedoch ein Zeichen für eine Schädigung. Da sich auch eine gesunde Haut zum Beispiel bei Wärme rötet, kann man mit dem sogenannten Fingertest prüfen, ob es sich um eine normale Rötung handelt oder sich ein Druckgeschwür gebildet hat.

Der Fingertest wird folgendermaßen durchgeführt: 

  • Mit dem Zeigefinger wird zwei Sekunden auf einen geröteten Hautbereich gedrückt. 
  • Direkt, nachdem der Finger wieder weggenommen wurde, betrachtet man die Haut: 
    Die Haut bleibt rot = Ein Druckgeschwür liegt vor. 
    Die Haut ist am Punkt des Fingereindrucks weiß verfärbt = kein Druckgeschwür.

 

Vorbeugen ist das A und 0

Wenn ein erhöhtes Risiko für die Entstehung eines Druckgeschwürs besteht, müssen in erster Linie Maßnahmen zur Druckentlastung durchgeführt werden. Je nach Ursache der Gefährdungen können dabei eine ganze Reihe von vorbeugenden Maßnahmen (in der Fachsprache Prophylaxen genannt) zur Anwendung kommen. Für Angehörige, die zu Hause pflegen, gibt es spezielle Kurse, die grundlegendes Pflegewissen in Theorie und Praxis vermitteln. Krankenkassen sind verpflichtet, entsprechende Angebote für ihre Versicherten bereitzustellen und auch zu beraten. Betroffene können sich bei ihrer Kasse über Schulungs- und Beratungsmöglichkeiten informieren.

 

Bewegungsförderung und Mobilisation

»Bewegung bedeutet Druckentlastung«. Durch eine regelmäßige Veränderung der Körperposition werden gefährdete Stellen vom Druck entlastet. Wie häufig und wie aufwendig der Lagewechsel zu erfolgen hat, muss individuell und fachkundig bestimmt werden. Nach einer ausführlichen Anleitung können auch Angehörige von Schwerstpflegebedürftigen dabei mithelfen oder diese vorbeugenden Maßnahmen selbstständig durchführen. Auch wer wegen seiner Erkrankungen hauptsächlich im Bett liegen muss, kann in der Regel - mit entsprechender Unterstützung und Bewegungstechniken - zumindest zeitweise auf der Bettkante oder auch in einem Stuhl sitzen. Dies kann das Risiko eines Druckgeschwürs erheblich reduzieren und hilft auch, weitere belastende Folgen der Pflegebedürftigkeit, zum Beispiel eine Versteifung der Gelenke zu vermeiden. Durch Bewegungstechniken, die auch Angehörige und Laien in entsprechenden Kursen erlernen können, sollte ebenso die Wirkung von Scherkräften auf die Haut bestmöglich verhindert werden. Reibungen und Scherkräfte führen zu Verformungen der Blutgefäße. Gerade bei älteren Menschen, bei denen eine Abnahme des Wassergehaltes der Haut zu einem Elastizitätsverlust führt, kann es durch Scherkräfte zu einer Trennung ganzer Hautschichten voneinander kommen.

 

Empfehlenswerte Positionen

Zwar muss Häufigkeit und das Ausmaß der Lageänderungen individuell bestimmt werden, nach Einschätzung der Experten können jedoch für zwei Situationen wissenschaftlich begründete Empfehlungen ausgesprochen werden: Bei bettlägerigen Menschen sind leichte Schräglagerungen auf die rechte oder linke Seite - Fachleute sprechen hier von einer 30°-Lagerung - zu empfehlen. Diese können beispielsweise relativ leicht mit einem Kissen oder einer Decke, die den Körper nach hinten abstützt, erreicht werden. Im Sitzen ist hingegen ein Stuhl mit Armlehnen und einer leicht schrägen Rückenlehne von Vorteil. Zusätzlich sollte die Möglichkeit bestehen, die Füße abzustützen (zum Beispiel mit einem kleinen Hocker) oder die Unterschenkel hochzulegen. Für den Fall, dass die Druckbelastung durch einen Fremdkörper (zum Beispiel einen Verband oder eine Gipsschiene) verursacht wird, sollte dieser Druck am besten ganz beseitigt werden. Durch fachgerechtes Anlegen des Verbandes oder Gipses und gegebenenfalls eine Polsterung dieser Objekte kann die Druckauswirkung in der Regel ebenfalls ausreichend reduziert werden.

 

Mikrobewegungen

Unter Mikrobewegungen versteht man kleinste Veränderungen der Körperposition, die auch druckreduzierend auf die Haut wirken. Man weiß mittlerweile, dass der menschliche Körper in der Nacht solche kleinsten Lageveränderungen automatisch durchführt. Die pflegerische Vermeidung von Druckgeschwüren durch Mikrobewegungen ist jedoch ebenfalls noch nicht ausreichend erforscht. Es ist allerdings davon auszugehen, dass kleine und in der Regel auch einfach durchzuführende Lageveränderungen eine wirksame Vorbeugung unterstützen.

 

Lagerungshilfen

Bei manchen Erkrankungen, während einer Operation oder auch wenn ein Druckgeschwür schon besteht, ist eine regelmäßige Lageänderung nicht durchführbar oder auch nicht ausreichend. Zu diesem Zweck gibt es verschiedene Hilfsmittel, die je nach individueller Situation angewendet werden sollten. Zu diesen Hilfsmitteln zählen Kissen und spezielle Lagerungskeile, aber auch Weichlagerungs- und Wechseldruckmatratzen, die den Druck reduzieren beziehungsweise regelmäßige Druckveränderungen elektronisch gesteuert herbeiführen. Aber: Nicht jedes System ist auch für alle Risikogefährdeten geeignet. Falsche Anwendung kann die Entstehung eines Dekubitus im schlimmsten Fall auch beschleunigen. In jedem Fall sind sie nicht als Ersatz für Bewegungsmaßnahmen einzusetzen. Manche, in der Vergangenheit durchaus übliche Lagerungshilfen, so zum Beispiel Schaffelle, Watteverbände und Wassermatratzen, werden heute nicht mehr empfohlen, da deren Wirksamkeit zur Druckreduzierung nicht nachgewiesen ist. Auch Lagerungsringe (Luftringe) haben eher eine schädliche Wirkung, da sie dort zu einer Druckerhöhung führen, wo die Haut auf den Rändern des Ringes aufliegt. Jeder Versicherte hat einen Anspruch auf Hilfsmittel, wenn vom Arzt ein entsprechender Bedarf festgestellt wird. Dies gilt prinzipiell auch für Bewohner/-innen.

 

Hautpflege bietet auch Schutz

Wie schon beschrieben, haben auch der Haut- und der Ernährungszustand Einfluss auf die Entstehung eines Druckgeschwürs.

Für den Bereich der Hautpflege lassen sich generell folgende Empfehlungen geben:

  • Hautreinigung am besten mit klarem Wasser und einem ph-neutralen Waschzusatz.
  • Keine Salben oder Cremes verwenden, welche die Haut verschließen (zum Beispiel Vaseline, Melkfett, Zinkpaste).
  • Keine desinfizierenden oder austrocknende Substanzen (zum Beispiel Franzbranntwein, alkoholhaltige Präparate) anwenden.
  • Keine Maßnahmen durchführen, die das Ziel haben, die Hauttemperatur zu verändern (zum Beispiel Massagen, durchblutungsfördernde Salben, Anwendung von »Eisen und Föhnen«).
  • Bei gefährdeten Personen sollte unter Umständen auch auf die routinemäßige Ganzkörperwaschung verzichtet werden, da diese zu einer Austrocknung der Haut führen kann.

Bei Betroffenen, die unkontrolliert Urin oder Stuhl verlieren, sollte in jedem Fall in Zusammenarbeit mit dem Hausarzt eine Pflegefachkraft, die mit dieser Problematik vertraut ist, zu Rate gezogen werden. Bei der Ernährung wird eine ausreichende Aufnahme von Flüssigkeit, Kohlenhydraten, Eiweiß, Vitaminen und Spurenelementen empfohlen. Vor allem die individuell angepasste Ernährung, aber auch die korrekte Hautpflege hängen jedoch von vielen Faktoren ab, so dass für diesen Bereich allgemeine Ratschläge nicht ausreichen. In Abhängigkeit von den Grunderkrankungen und der pflegerischen Situation sollten mit den Experten, also möglichst mit dem behandelnden Arzt und den Pflegekräften, ein auf die persönliche Situation abgestimmter, persönlicher Ernährungsplan und Maßnahmen zur Hautpflege vereinbart werden.

 

Selbstständigkeit fördern

Auch die Bekämpfung der Ursachen, die zu einem erhöhten Risiko, ein Druckgeschwür zu erlangen, führen, darf im Maßnahmenplan nicht zu kurz kommen. Hat die eingeschränkte Beweglichkeit ihren Grund etwa in Schmerzen oder falschen Hilfsmitteln, müssen diese Ursachen beseitigt werden. Wichtig ist, die Eigenbeweglichkeit zu fördern und diese nicht noch durch einengende Lagerungsmaßnahmen einzuschränken. Auch die Förderung der Selbstständigkeit, der Erhalt von Kraft, Fähigkeiten und Fertigkeiten, manchmal etwas ungenau »aktivierende Pflege« genannt, gehören zu einer wirksamen Dekubitusprophylaxe.

  • 19.07.2017

    Demenz

    Demenz gilt schon längst als Geißel des Alters. 1,6 Millionen Deutsche werden heute als „dement"...

    mehr
  • 22.06.2017

    Die Mittsommernacht

    Seit 1954, als unser „Wohnpark Rohlfshagen“ noch ein Kinderheim war, wird eine alte Tradition hoch...

    mehr
Render-Time: 0.147978