Harninkontinenz

Die folgenden Informationen sind dem Ratgeber „Gute Pflege im Heim und zu Hause – Pflegequalität erkennen und einfordern“ der Verbraucherzentrale Bundesverband e.V., Berlin 2008 entnommen und dienen als Information gemäß Expertenstandard „Expertenstandard Förderung der Harnkontinenz in der Pflege“.

Die Urininkontinenz - der unkontrollierte Verlust von Urin -ist ein verbreitetes gesundheitliches Problem, welches in jeder Altersklasse auftreten kann. Frauen sind häufiger als Männer betroffen. Das Risiko einer Harninkontinenz nimmt meist mit höherem Alter und zunehmendem Verlust von körperlichen und geistigen Fähigkeiten zu. Hinzu kommt, dass die Auswirkungen einer Urininkontinenz für die Betroffenen gravierend sein können. Trotz einer in der Regel erheblichen Einschränkung der Lebensqualität ist das Problem an sich noch immer weitestgehend ein Tabuthema in Deutschland. Nur ein geringer Anteil der Betroffenen sucht von sich aus professionelle Hilfe auf. Darüber hinaus verschlechtert sich ein schon bestehender Pflegebedarf durch eine hinzugetretene Harninkontinenz, und das Risiko weiterer Einschränkung - zum Beispiel die Entstehung eines Druckgeschwürs - erhöht sich. Für Betroffene und ihre Angehörigen bedeutet eine Harninkontinenz auch eine hohe finanzielle Belastung. Es werden Hilfsmittel, wie zum Beispiel Vorlagen benötigt, erheblich mehr Wäsche muss gewaschen werden, oder es muss professionelle Hilfe -etwa ein ambulanter Pflegedienst - eingesetzt werden. Zusammenfassend wird deutlich, dass gerade die Förderung der Kontinenz, also der Fähigkeit, kontrolliert und selbstbestimmt die Blase zu entleeren, eine pflegerische Herausforderung ist, welche sowohl für Betroffene im Bereich der Pflegeheime als auch bei der Pflege zu Hause und im Krankenhaus von Bedeutung ist.

 

Vielfältige Ursachen für Inkontinenz

Die Ursachen für einen Zustand, bei dem ein Mensch ungewollt Urin verliert, können sehr unterschiedlich sein. Grundsätzlich kann man zwei Formen der Urininkontinenz unterscheiden. Bei der ersten Form, der funktionellen Inkontinenz, verlieren Menschen unfreiwillig Urin, da sie aufgrund einer körperlichen oder geistigen Erkrankung nicht in der Lage sind, eine Toilette (rechtzeitig) zu erreichen. Die Organe, die eigentlich beim Wasserlassen beteiligt sind, sind dabei grundsätzlich noch intakt. Die zweite Form wird als Harninkontinenz aufgrund veränderter Speicher- und Entleerungsfunktion bezeichnet. Hierunter lassen sich alle weiteren Ursachen zusammenfassen, bei denen häufig die Harnblase und weitere an der Ausscheidung beteiligten Organe beeinträchtigt sind. Beispielhaft dafür sind etwa die sogenannte Stress- oder Belastungsinkontinenz, hier verlieren die Betroffenen zum Beispiel beim Husten unfreiwillig Urin, oder eine Harninkontinenz, bei der ständig ein hoher Rest an Urin in der Blase verbleibt. Im ersten Beispiel ist die Speicherfunktion der Blase gestört, während im zweiten Beispiel das Problem darin liegt, dass die Körperfunktion, die Blase komplett zu entleeren, beeinträchtigt ist. In beiden Fällen führt die Störung dazu, dass die Betroffenen unfreiwillig Urin verlieren. Bestimmte Personenkreise haben ein deutlich erhöhtes Risiko, eine Urininkontinenz zu bekommen. So steigt die Gefahr dafür mit dem Alter, aber auch mit dem Vorhandensein bestimmter Erkrankungen. Dabei gibt es Unterschiede, die vom Geschlecht abhängen. In folgender Tabelle sind die einzelnen Risikofaktoren aufgelistet.

 

Harninkontinenz - Risikofaktoren

  • Hohes Alter: Das Risiko für eine Urininkontinenz nimmt mit steigendem Lebensalter zu. Eine genaue Grenze lässt sich allerdings nicht festlegen.
  • Geistige Einschränkungen: Auch eine nachlassende Leistung des Gehirns, zum Beispiel bei einer Demenz, begünstigt das Auftreten einer Inkontinenz.
  • Körperliche Einschränkungen: Je mehr die Beweglichkeit und die Mobilität nachlässt, umso größer ist das Risiko für eine Urininkontinenz.
  • Bestimmte Erkrankungen: Zum Beispiel: Schlaganfall, Multiple Sklerose, Morbus Parkinson, Demenz, Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit).
  • Einnahme bestimmter Medikamente: Zum Beispiel: Harntreibende Mittel (Diuretika), die zum Teil auch bei Herzerkrankungen gegeben werden, schwere Schmerzmittel (Opiate), Allergiemittel (Antihistaminika), Medikamente gegen Depressionen, Medikamente bei Nervenerkrankungen (Neuroleptika), bestimmte Medikamente bei Bluthochdruck und Durchblutungsstörungen des Herzens (Kalziumantagonisten), bestimmte auf die Nervenzellen wirkende Medikamente (Anticholinergika).
  • Harnwegsinfektionen: Zum Beispiel zu wenig Flüssigkeitszufuhr
  • Verstopfung: Zum Beispiel zu wenig Flüssigkeitszufuhr
  • Belastung des Beckenbodens: Zum Beispiel nach einer Entbindung oder aufgrund von Übergewicht (bei Frauen)
  • Östrogenmangel: Bei Frauen
  • Veränderungen/Operation der Prostata: Bei Männern

Tipp: Wer neben hohem Alter einen oder mehr der genannten Risikofaktoren bei sich oder seinen Angehörigen feststellt, sollte frühzeitig das Gespräch mit dem Arzt oder dem Pflegedienst suchen, um das genaue Risiko abzuklären und Wege zur Vorbeugung zu suchen.

 

Feststellen einer Urininkontinenz

Die Ursachen für eine Harninkontinenz können sehr verschieden sein. Zum Teil handelt es sich auch um grundlegende Erkrankungen, bei denen eine ärztliche Behandlung notwendig und hilfreich ist. Aufgabe der professionellen Pflegekräfte ist in diesem Zusammenhang eine erste Einschätzung und unter Umständen in Absprache mit dem Pflegebedürftigen das Hinzuziehen von Haus- oder Fachärzten. Für eine erste Einschätzung können dabei folgende Fragen hilfreich sein: 
- Verlieren Sie ungewollt Urin? 
- Verlieren Sie Urin, wenn Sie husten, lachen oder sich körperlich betätigen? 
- Verlieren Sie Urin auf dem Weg zur Toilette? 
- Tragen Sie Vorlagen, um Urin aufzufangen?

Eine Abklärung sollte immer dann erfolgen, wenn auf eine dieser Fragen mit »Ja« geantwortet wurde. Zur weiteren Abklärung ist dann eine fachübergreifende Untersuchung notwendig. Fachübergreifend bedeutet, dass gegebenenfalls Ärzte verschiedener Fachrichtungen und Pflegekräfte gemeinsam ihre Beobachtungen und Diagnosen zusammentragen und auf diesem Weg das Problem eingrenzen. Aufgabe der Pflegekräfte ist dabei vor allem die Beobachtung der Ausscheidung des Pflegebedürftigen und zum Teil auch die Feststellung, wie viel Urin am Tag ungewollt verloren wird. Für diese Einschätzung stehen den professionellen Pflegekräften mehrere Methoden zur Verfügung.

 

Das Miktionsprotokoll

Miktion bedeutet übersetzt »Entleerung der Blase«. Ein Miktionsprotokoll ist somit eine Aufzeichnung über die Blasenentleerung im Tagesverlauf. Dabei werden sowohl die Häufigkeit der Toilettengänge als auch die Ausscheidungsmenge pro Toilettengang aufgeschrieben. Daneben sollen im Miktionsprotokoll noch weitere Informationen eingetragen werden, die Rückschlüsse auf die genauen Bedingungen, bei denen die Inkontinenz auftritt, ermöglichen. Das Expertengremium hat bei der Erstellung des Standards ein Miktionsprotokoll entwickelt, das von Betroffenen zur eigenen Einschätzung verwendet werden kann. Dies ist vor allem im häuslichen Bereich von Bedeutung, wenn professionelle Pflegekräfte nur punktuell am Tag die Beobachtung durchführen können. Das Miktionsprotokoll sollte über drei bis fünf Tage geführt werden.

 

24-Stunden-Vorlagengewichtstest

Eine weitere Methode zur näheren Einschätzung des Ausmaßes der Urininkontinenz ist das Wiegen der Vorlage. Dabei wiegt man jede einzelne Vorlage, nachdem sie gewechselt wurde. Zieht man dann das Gewicht einer »leeren« Vorlage vom Gewicht der »vollen« Vorlage ab, kann man relativ genau einschätzen, wie viel Urin verloren wurde. Gerade bei Betroffenen, die aufgrund einer geistigen Erkrankung nicht in der Lage sind, dies durchzuführen, sind hier die Angehörigen und Pflegekräfte besonders gefragt. Neben diesen Methoden zur weiteren Beurteilung einer Harninkontinenz unter Beteiligung von Angehörigen und Pflegekräften ist es immer wichtig, die Risikofaktoren und möglichen Ursachen auch weitergehend medizinisch abzuklären.

 

Umgebung des Pflegebedürftigen ein Risikofaktor

Wenn Pflegebedürftige nicht in der Lage sind, die Toilette rechtzeitig zu erreichen, kann dies mit den Bedingungen in der Umgebung zusammenhängen. Unter Umständen kann der Weg vom Bett zur Toilette zu lang sein oder für den Pflegebedürftigen aufgrund vieler Stolperfallen nur mühsam zu erreichen sein. Gerade für Menschen mit einer demenziellen Erkrankung können plötzliche Umgebungswechsel (zum Beispiel vom eigenen Haushalt in ein Krankenhaus) die Orientierung erschweren und somit eine Inkontinenz begünstigen. Auch Hilfsmittel, die zum Teil in Pflegeheimen und Krankenhäusern verwendet werden, müssen korrekt eingesetzt werden, damit das Auftreten einer Harninkontinenz nicht gefördert wird. Beispiele dafür sind die Klingel, die für den Pflegebedürftigen erreichbar sein muss, die richtige Höhe eines Toilettensitzes oder auch das Anbringen von Handläufen in der eigenen Wohnung.

 

Förderung der Kontinenz

Unter Förderung der Kontinenz werden Maßnahmen verstanden, die dabei helfen, eine noch nicht bestehende Urininkontinenz zu verhindern oder die Auswirkungen einer Inkontinenz zu reduzieren. Die Wirksamkeit von vorbeugenden Maßnahmen in Bezug auf eine Urininkontinenz ist allerdings bislang wissenschaftlich nur unzureichend untersucht. Dennoch ist es sinnvoll, vorliegenden Risikofaktoren frühzeitig entgegenzuwirken. Beispielsweise kann dies bei schwangeren Frauen eine gezielte Becken-bodengymnastik sein. Daneben sind allgemeine Maßnahmen zur Förderung der Kontinenz empfehlenswert, da sie mit vergleichsweise wenig Aufwand zu erreichen sind, den Betroffenen nicht schaden und das Risiko und die Auswirkungen beim Eintritt einer Urininkontinenz mindern.

 

Allgemeine Maßnahmen

  • Flüssigkeitszufuhr: Eine zu geringe Flüssigkeitsaufnahme kann in mehreren Bereichen Einfluss auf die Entstehung einer Urininkontinenz haben. Bei einer zu geringen Trinkmenge steigt das Risiko, eine Blaseninfektion zu bekommen oder an Verstopfung zu leiden. Beides begünstigt das Entstehen einer Inkontinenz. Daneben kann eine zu geringe Flüssigkeitszufuhr eine Dranginkontinenz verstärken, bei der plötzlich ein sehr starker Harndrang auftritt, der sich schwer unterdrücken lässt. Empfehlenswert ist eine tägliche Trinkmenge von 1,5 bis 2,0 Liter pro Tag. Hinweis: Diese Trinkmenge gilt für ansonsten gesunde Menschen. Falls Grunderkrankungen vorhanden sind, sollte die Trinkmenge vorher mit dem behandelnden Arzt besprochen werden.
  • Abnehmen: Ein zu hohes Gewicht ist ein Risikofaktor bei der Entstehung einer Urininkontinenz. Daneben kann Übergewicht auch bei der Entstehung anderer schwerwiegender Erkrankungen beteiligt sein. Auch hier sollten Sie sich professionell vom Arzt oder den Pflegkräften beraten lassen, bevor Sie Ihre Ernährungsgewohnheiten umstellen oder eine Diät beginnen.
  • Verstopfung vermeiden: Wer regelmäßig unter Verstopfung leidet, sollte zunächst abklären lassen, ob es eine krankhafte Ursache dafür gibt. Wenn nicht, kann eine Ernährungsberatung helfen, die Verdauung in den Griff zu bekommen. Nicht ratsam sind freiverkäufliche oder in der Apotheke erhältliche Abführmittel, da ein unkontrollierter Einsatz die Probleme häufig noch verstärkt.
  • Umgebung anpassen: Gerade bei pflegebedürftigen Menschen kann sich die Gestaltung der Umgebung positiv oder negativ auf das Auftreten einer Urininkontinenz auswirken. Aus diesem Grund ist es in jedem Fall ratsam, die Umgebung und vor allem den Weg von und zur Toilette auf mögliche Hindernisse und Barrieren zu untersuchen. Dazu können im Einzelnen eine ausreichende Beleuchtung und Beschilderung, Haltegriffe und Toilettensitzerhöhungen sowie eine allgemeine Förderung der Mobilität des Pflegebedürftigen gehören.

 

Verhaltenstherapeutische Maßnahmen

Neben den beschriebenen allgemeinen Maßnahmen gibt es auch verhaltenstherapeutische Maßnahmen, die unter Anleitung des Pflegepersonals durchgeführt werden können und deren Wirksamkeit wissenschaftlich untersucht ist. Voraussetzung für alle Maßnahmen sind allerdings eine vorhergegangene Information, Beratung und Schulung der Betroffenen. Zu den speziellen Maßnahmen der Kontinenzförderung gehören:

  • Blasentraining: Das Blasentraining hat vornehmlich zum Ziel, falsche Ausscheidungsgewohnheiten, die sich über Jahre eingeschliffen haben, zu korrigieren. Dabei sollen die Zeiträume, die zwischen zwei Toilettenbesuchen liegen, auf drei bis vier Stunden erhöht werden. Da sich das Blasentraining vor allem auf die Fähigkeit, Urin zurückzuhalten, konzentriert, ist es nur bei bestimmten Formen der Urininkontinenz anzuwenden. Eine Form ist dabei die sogenannte Dranginkontinenz, ein unfreiwilliger Verlust von Urin, bei dem ein plötzlicher Harndrang besteht, der nur schwer unterdrückbar ist.
  • Beckenbodentraining: Unter Beckenbodentraining versteht man eine Stärkung der Beckenbodenmuskulatur. Es wird ein spezielles Trainingsprogramm angewendet, bei dem die Muskulatur durch gezielte Anspannung und Entspannung trainiert wird. Auch Hilfsmittel können dabei zum Einsatz kommen. Da die Methoden dafür noch nicht ausreichend wissenschaftlich untersucht sind, kann man keine bestimmte Methode einer anderen vorziehen. In der individuellen Situation können Hilfsmittel jedoch durchaus sinnvoll sein. Tipp: Fragen Sie konkret nach verschiedenen Methoden zum Beckenbodentraining und lassen Sie sich über Vor- und Nachteile in Ihrer Situation beraten.
  • Toilettentraining: Als Toilettentraining bezeichnet man eine Methode, bei der unabhängig vom tatsächlichen Harndrang die Toilette zum Wasserlassen aufgesucht wird. Ziel ist, schon bevor die Betroffenen ungewollt Urin verlieren, die Toilette aufzusuchen. Auf diese Weise können die Betroffenen das Gefühl der Kontrolle über den eigenen Körper wiedererlangen, was sich positiv auf die Kontinenz auswirken soll. Dabei kann ein Toilettengang zu festgelegten Zeiten oder auch zu individuellen Zeiten erfolgen. Zum Toilettentraining zählt auch der sogenannte angebotene Toilettengang, bei dem die Pflegeperson regelmäßig und zu bestimmten Zeiten beim Betroffenen nachfragt, ob ungewollt Urin verloren wurde und das Angebot unterbreitet wird, beim Toilettengang zu helfen. Diese Methode ist besonders zu empfehlen.

Zusammenfassend kann für alle speziellen Maßnahmen der Kontinenzförderung gesagt werden, dass sie individuell nach der Situation der Betroffenen ausgerichtet sein müssen. Ein vertrauensvolles Gespräch zwischen Betroffenem, Angehörigen, Pflegekraft und Arzt ist hier besonders wichtig.

 

Blasenkatheter in der Pflege nicht sinnvoll

Ein Katheter ist ein dünner Plastikschlauch, der über die Harnröhre in die Blase gelegt wird. Der Urin läuft dann hinaus und wird in einem Beutel aufgefangen. Blasenkatheter haben allerdings Risiken und Nebenwirkungen. Sie sind ein Fremdkörper, welcher die normale Funktion der Blase außer Kraft setzt. Daneben besteht ein hohes Risiko, eine Blasenentzündung zu bekommen. Zudem kann es beim Legen und Wechsel von Kathetern zu Verletzungen kommen. Aus diesen Gründen sollten Blasenkatheter ausschließlich aus medizinischen Gründen und nur so lange wie notwendig gelegt werden. Eine Anwendung nur zur Einschränkung der Folgen einer Harninkontinenz darf nicht erfolgen. Tipp: Größere Operationen machen es häufig erforderlich, dass ein Katheter gelegt wird. Nach der Operation sollte darauf geachtet werden, dass Patienten möglichst früh wieder die Toilette aufsuchen (sofern aus medizinischer Sicht nichts dagegen spricht), auch wenn dies zunächst anstrengend ist.

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